Die Schlacht im Krieg der Spermien: Der Seitensprung

Die Schlacht im Krieg der Spermien: Der Seitensprung

Robin Baker war Professor für Evolutionsbiologie an der Universität zu Manchester. In seinem Buch „Sperm Wars“ von 1996 stellte er eine bis heutige gültige These auf: Der wissenschaftlich fundierte Grund für einen Seitensprung ist die Spermienkonkurrenz. Und sonst nichts.

Wer hätte das gedacht? Behaupten doch Dutzenden von Netzartikeln, es gäbe ganz gewichtige, rationale Gründe für den sexuellen Betrug in einer Partnerschaft. An erster Stelle wird dort immer wieder – und zwar von männlicher wie weiblicher Seite – die „sexuelle Unzufriedenheit“ genannt. Gefolgt von „allgemeine Beziehungsprobleme“ und „Kontrollverlust (meistens durch Rauschmittel)“. Frauen nennen besonders häufig als Grund die fehlende oder mangelhafte Kommunikation zwischen den Partnern.

SeitenspringerInnen mit der Moralkeule zu kommen, heißt die Realität verleugnen

Es gibt weltweite Untersuchungen zum Thema Seitensprung. In Italien gaben rund 67 % der befragten Männer an, fremdzugehen. In Russland beträgt die Quote 76 %. Von den befragten russischen Frauen sagten 40 %, das sie „es“ schon gemacht hätten. Rund 30 % der Schweizer gehen fremd – und diese Zahl ist bei Frauen und Männern gleich. In Deutschland soll die Zahl der männlichen Seitenspringer bei rund 64 % liegen – bei den deutschen Frauen bei 45 %. Egal ob die Zahlen nun absolut korrekt sind oder schwanken. Fakt bleibt: Der Seitensprung ist ein altbekanntes Massenphänomen.

91 % aller Lebewesen sind sexuell untreu

Sind diese Zahlen Belege dafür, dass Professor Baker recht hat? Wir sind allesamt triebgesteuerte Wesen. Und außerdem: Gegen unsere Erbanlagen zu leben, muss ungesund sein. Und ständig die eigenen Bedürfnisse und Sehnsüchte zu unterdrücken kann nicht glücklich machen. Also folgen Männer und Frauen jeden Tag, seit es das Konzept Ehe und Partnerschaft gibt, ihren Instinkten. In seinem Buch „Sex. Die wahre Geschichte“ belegt der Psychologe Christopher Ryan, dass sexuelle Treue nicht in der menschlichen Natur veranlagt ist. Nur rund 9 % aller Tierarten leben monogam. Die „Nicht-Seitenspringer“ sind in der Minderheit. Das moralisch tradierte Seitensprung-Verbot ist der negative Ausfluss des kirchlichen Herrschaftsanspruchs. Möglichst viele der natürlichen menschlichen Bedürfnisse wurden als sündhaft deklariert. Und Sünden muss ich beichten und sie machen mich zu einem reumütigen Sünder…

Seitensprung im digitalen Zeitalter

So verdarben die falsche Moral und der Machtanspruch der Kirche für Jahrhunderte den Spaß am Seitensprung. Es musste alles heimlich und unter unromantischen und lustfeindlichen Umständen vonstattengehen. Dann kam das Internet. Und es kamen die Kontaktbörsen. Für die sexuelle Selbstbestimmung sind diese ungefähr so revolutionär wie die Erfindung der Antibabypille. Frauen und Männer kommunizieren auf zahlreichen Webportalen offen und ohne Tabus über ihre geschlechtlichen Bedürfnisse: „Ich bin glücklich verheiratet und will es auch bleiben. Trotzdem habe ich manchmal das Bedürfnis fremde Haut zu fühlen, zu riechen, zu schmecken. Ich suche einen Seitensprung ohne schlechtes Gewissen und ohne Lügen!“ So schreibt zum Beispiele Charlotte, 39 Jahre, aus Salzgitter auf einer einschlägigen Website.

Gesunde erwachsene Menschen können sich über ihre Sexwünsche austauschen. Da dies (zumindest am Anfang des Kontaktes) relativ anonym geht, bieten die Seitensprung-Kontaktbörsen sichere Kommunikationsmöglichkeiten. Das schätzen besonders die Frauen sehr. Seitensprungbereite melden sich auf den Kontaktportalen an, weil sie wissen, auf Gleichgesinnte zu treffen. Ein verschämtes Versteckspiel ist dort nicht nötig. Und die „Natur“ kann ihren „natürlichen“ Lauf nehmen.